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Für ein sicheres Stromnetz

Für ein sicheres Stromnetz
Foto: stock.adobe.com – Martin Mecnarowski

Mit der Energiewende werden die Aufgaben von Netz­betreibern wie der Bayernwerk Netz GmbH (Bayernwerk) immer komplexer. Die Versorgungssicherheit steht dabei stets an erster Stelle. Wie Redispatch-Maßnahmen entscheidend dazu beitragen, erklärt Johannes Larsen.

Johannes Larsen, Leiter Systemführung und ehemaliger Leiter Projekt Redispatch: „Regeln wir Anlagen ab, dann nur, um die Stabilität der Netze und die Versorgungssicherheit zu gewährleisten."

Herr Larsen, Sie sind Leiter Systemführung beim Bayernwerk und waren bis vor wenigen Monaten Leiter des Projekts Redispatch bei der Bayernwerk Netz. Können Sie beide Positionen kurz beschreiben?
Als Leiter Systemführung bin ich für die Überwachung, Führung und Steuerung des Hoch- und Mittelspannungsnetzes sowie des Gasnetzes der Bayernwerk Netz zuständig. Als Leiter des Projekts Redispatch habe ich mich mit meinem Team um die Einführung des Redispatch (auch als Redispatch 2.0 bekannt) gekümmert.

Was bedeutet das konkret?
Unter Redispatch versteht man ganz allgemein Eingriffe in die Erzeugungsleistung von Kraftwerken oder dezentralen Erzeugern wie Photovoltaik- oder Windanlagen, um Engpässe im Stromnetz zu verhindern. Heutzutage wird immer mehr Strom aus erneuerbaren Energien eingespeist – Stichwort Anschlussboom: Eine tolle Entwicklung, die zeigt, dass die Energiewende in Bayern ordentlich an Fahrt aufgenommen hat! Gleichzeitig werden konventionelle Kohle- oder Kernkraftwerke abgeschaltet. Die Entwicklung stellt auch uns als Netzbetreiber vor große Herausforderungen, um weiterhin das Netz stabil zu halten. Und deshalb ist es entscheidend, bei Engpässen mit Redispatch-Maßnahmen einzugreifen.

Wie haben sich die Redispatch-Maßnahmen entwickelt?
Wir hatten im letzten Jahr eine Verachtfachung der Regelungsmaßnahmen. Waren es bis 2021 etwa 20.000 bis 30.000 Einzelregelungen, haben wir 2022 rund 230.000 Einzelregelungen vorgenommen. Ein enormer Zuwachs und eine komplexe Aufgabe!

Wonach wird entschieden, welche Anlage abgeregelt wird?
Konventionelle Anlagen werden zuerst abgeregelt. Erneuerbare-Energien (EE)-Anlagen bleiben möglichst lang unberührt. Wir berücksichtigen dabei sogenannte Sensitivitäten: Welchen Einfluss hat eine bestimmte Anlage auf den Engpass? Kann dann statt einer EE-Anlage eine konventionelle Anlage abgeregelt werden, machen wir das.

Gibt es einen finanziellen Ausgleich für Betreiber, deren Anlage abgeregelt wird?
Ja, das ist gesetzlich geregelt. Für den Anlagenbetreiber ist es am Ende so, als hätte die Maßnahme nicht stattgefunden. Dies bedeutet, dass wir auf Basis der Regelzeiten der Anlage und anderen Randfaktoren den finanziellen Ausgleich berechnen und dem jeweiligen Kunden gutschreiben.

Wie wird ein Netzengpass festgestellt?
Im Schichtdienst haben unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Netzleitstellen das Stromnetz rund um die Uhr im Blick. Sie nutzen Systeme, die 24/7 in Echtzeit und auf Basis von Prognosen den gesamten Betrieb überwachen. Gibt es einen Engpass, schlägt das System Alarm, die Sensitivitäts-Berechnung startet und die Redispatch-Maßnahmen werden ausgeführt. Das erfolgt alles weitgehend automatisch. Das Herausfordernde ist, die Redispatch-Maßnahmen mit den eigentlichen Aufgaben in Einklang zu bringen, die im Stromnetz anfallen: geplante Schaltungen oder plötzliche Störungen. Das erfordert höchste Konzentration und Kompetenz von den Kolleginnen und Kollegen.

Der Gesetzgeber schreibt für den Redispatch 2.0 aktuell ein planwertbasiertes Verfahren vor. Was bedeutet das?
Bei einem akuten Netzengpass sollen Anlagen nicht einfach spontan heruntergeregelt werden, stattdessen steht ein sogenanntes prognosebasiertes Netzengpassmanagement im Fokus. Konkret heißt das, dass wir beim Bayernwerk 36 Stunden in die Zukunft schauen. Das kann man mit einem vorausschauenden Verkehrsleitsystem vergleichen, das den Verkehrsfluss auf Basis des Verkehrsaufkommens und der Baustellen steuert. Das Verkehrsaufkommen aus dem Beispiel wird in unserem Fall durch Erzeugung und Verbrauchslast bestimmt, die auf Basis des Wetters, von Wochentagen oder Tageszeiten sehr verschieden sein können.
Das planwertbasierte Verfahren ist eine gute Möglichkeit, Redispatch-Maßnahmen zu prognostizieren. Doch wie so oft können Modelle nicht alle Eventualitäten berücksichtigen, sodass wir manchmal nachsteuern müssen. 400.000 EE-Anlagen, die 14 Gigawatt Strom einspeisen, sind eine tolle Entwicklung für den Freistaat und das Bayernwerk, aber eben auch eine sehr komplexe Aufgabe für die Netze und uns.

Warum ist es wichtig, dass Anlagenbetreiber für Redispatch-Maßnahmen mehr Verständnis haben?
Dafür nenne ich gern ein Beispiel. 2022 schien in Deutschland im Winter eine Gasmangellage möglich – letztlich kam es nicht dazu. In den sonnenreichen Monaten vor dem Winter mussten wir Anlagen abregeln, darunter auch EE-Anlagen. Immer mit dem Ziel, die Stabilität des Stromnetzes zu gewährleisten. Diese Maßnahmen wurden in Zeiten, in denen für viele besorgte Menschen die stark gestiegenen Strom- und Gaspreise das bestimmende Thema waren, teilweise falsch aufgefasst. So traf es auf viel Unverständnis, dass das Bayernwerk Strom aus EE-Anlagen abregelte. Und es wurde uns oft die Frage gestellt, wieso man den Strom aus dem Sommer nicht zum Heizen im Winter nutzen kann.

Kann man das denn?
Das geht aktuell nicht im erforderlichen Maße, da nicht ausreichend Speicher existieren. Ansonsten hätten wir natürlich diese Maßnahme ergriffen. Auch Verfahren, um die Energie anderweitig zu nutzen, wie beispielsweise die Wandlung von Strom in Wasserstoff – Stichwort Sektorenkopplung – sind erst im Aufbau. Bis Sektorenkopplung, Speicher und andere Lösungen zur Verfügung stehen, müssen wir im erforderlichen Maße Erzeugungsanlagen abregeln. Nur so gehen Energiewende, Netzstabilität und Wirtschaftlichkeit unseres Energiesystems Hand in Hand.

Wie können Kommunen das Bayernwerk unterstützen?
Das Bayernwerk treibt die Energiewende voran und sorgt für eine sichere Infrastruktur. Unsere Aufgabe ist es, Menschen zuverlässig mit Energie zu versorgen. Kommunen stehen wir dabei als starker Partner zur Seite. Regeln wir Anlagen ab, dann nur, um die Stabilität der Netze und die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Wir freuen uns, wenn hierfür das Verständnis in der Bevölkerung noch größer wird.

Redispatch

Unter Redispatch versteht man Eingriffe in die Erzeugungsleistung von Kraftwerken, um Engpässe im Stromnetz zu vermeiden. Das zum 13. Mai 2019 in Kraft getretene Netzausbaubeschleunigungsgesetz enthält neue Vorgaben für das Management von Netzengpässen, die von den betroffenen Marktakteuren, insbesondere Netzbetreibern und Anlagenbetreibern, umgesetzt werden müssen. Auch Redispatch 2.0 genannt. Die gesetzliche Frist zur Umsetzung war auf den 1. Oktober 2021 datiert.

Mehr zum Redispatch 2.0 beim Bayernwerk